Neues aus Digitalistan – Glosse Nr. 6 – Auditive Orgel-Pokémons

Fakes, Aufnahmen und Hauskonzerte – Moralische Verpflichtungen in der Augmented Reality der Digitalorgelszene

Was darf man wie und in welcher Dosis mit Orgel-Hardwaresamplern (Digitalorgeln im klassischen Sinne) oder Orgel-Softwaresamplern (Hauptwerk, MyOrgan bzw. GrandOrgue) insinuieren, ja den Zuschauer oder Zuhörer glauben lassen? Um es klar zu kategorisieren: Beide Systeme sind per definitionem „digitale Orgeln“. Zu dem törichten Werbe-Kunstgriff „Virtuelle Orgel“ kommen wir noch im weiteren Verlauf dieser Erörterung.

Und wie ist es überhaupt, wenn im WWW Orgel-Sinneseindrücke suggeriert werden, die es real vor Ort gar nicht gegeben hat und auch gar nicht geben kann?

Völlig lautloser Applaus beim Hauskonzert

Ein rührig ambitionierter Orgelliebhaber und Hauskonzertveranstalter aus dem Herzen des Ruhrgebiets stellt nach den Events nahezu alle Video-Aufnahmen der dargebotenen Werke ins Netz. Er soll auf diese Veröffentlichungen sehr großen Wert legen. Bei den allermeisten Organisten kam es offensichtlich zu einvernehmlichen Einwilligungen.

Die Videos sind besonders und so mag ein höchst aufschlussreicher Hinweis aus dem Leserkreis das verdeutlichen: Eine kurze Video-Sequenz entlarvt die gesamte Szenerie. Sie versetzt den Hörer und Betrachter in ein starkes kognitives Ungleichgewicht, weil sich Bild und Ton erheblich widersprechen (aus rechtlichen Gründen wird sie hier nicht mehr verlinkt):

Der Organist des Abends hebt die Hände von den Tasten, der letzte Orgelton des dargebotenen Werkes verklingt mit beeindruckendem Nachhall. Das Publikums klatscht offensichtlich – allerdings völlig lautlos. Was ist passiert? Ein Fake?

Nun, die Sachlage ist für Insider oder Orgel-PC-Hardliner klar: Das Konzert wurde nicht im zu sehenden Raum, sondern im digitalen Innersten des Computers mitgeschnitten und nachträglich zu den Bildern hinzugefügt, vermutlich unter erheblichem Aufwand, um alles völlig synchron zu haben.

Ziemlich heftig, so mag hingegen der verstörte Hörer und Betrachter denken, der beim Anklicken des Videos offensichtlich mit keiner Silbe auf derlei Finessen hingewiesen wurde. Manche könnten also die nachträgliche Bild-Ton-Synthese für irreführend halten. Angesichts des vermutlich erheblichen inklusiven Werbefaktors der Hauskonzerte für die Software Hauptwerk und deren zahlreichen Subunternehmen dürfte dieser Sachverhalt von erhöhtem Interesse sein.

Live-Concert?

Selbstverständlich kennen wir deratige Audio-Vorgehensweisen auch von den Hardwaresampler-Herstellern, wenn sie nette Digitalorgel-Werbe-CDs oder -Filmchen über „line-out“ erstellen. Nun gut, die Realität vor Ort ist immer eine ganz andere. Die Dilemmata der Abstrahlung lassen herzlich grüßen. Das Besondere am oben verlinkten Video ist jedoch, dass das Geschehen explizit als „live concert“ bezeichnet wird.

Auf diese beachtliche Angelegenheit werden wir später wieder zurückkommen. Jetzt aber ganz sachlich der Reihe nach.

Von Ort zu Ort

Dass es ethisch völlig daneben ist, den Klang einer realen Orgel an bestimmtem Orte zu behaupten, ihn aber synthetisch-digital aufgenommen zu haben, dürfte uns allen ziemlich klar sein: Da ist Orgel XY in Z zu hören, ich hab’s aber – psst! – mit dem Sampleset XY/Z aufgenommen (oder gar mit einem ganz anderen; tja, hat es alles schon gegeben!). Es wird genauso verwerflich sein, Klänge einer Digitalorgel der Firma A aufzunehmen und sie als Sound der Firma J auszugeben. Auch wenn Kenner beide Fakes schnell entlarven würden: Ein derartiges Handeln wäre völlig unredlich.

Die elementare Erwähnung „Orgel“ wird bei einem Großteil der Aufnahmen mit Hard- und Softwaresamplern eine integre Instrumentenbezeichnung darstellen, denn man spielt schließlich live mit Händen und Füßen „eine Orgel“ an einem Spieltisch und produziert einen Klang, den man gemeinhin im Gegensatz zu dem des Klavieres oder dem der Klarinette als Orgelklang wahrnimmt. Zudem haben sich Digitalorgel & Co. stark etablieren können und stellen einen eigenen Phänotyp des Instrumentes Orgel dar. Wir kennen diese Entwicklung aus dem Bereich des akustischen und elektronischen Klavieres, in dem man relativ entspannt mit den Bezeichnungen umgeht. Aus diesem Grunde wirkt die Bezeichnung „Pfeifenorgel“ mittlerweile etwas geziert distinguiert.

Immanente Werbung

Das leidige Thema Kommerz hat hier eine besondere Brisanz. Ein Marken- oder Herstellername muss nicht zwingend genannt werden, er würde stets die pekuniäre Schattenseite transportieren, sprich: Vorsicht bei inklusiver Werbung durch Firmen- oder Markennennung! Die Hersteller haben’s natürlich gerne, weil es keine Kosten verursacht und mit der Zeit ein Selbstläufer wird. Die Crux liegt in der immanenten Werbung, weil sie stets nur so nebenbei und zugleich nachhaltig als Corporate Design erwähnt wird. Die WWW-Präsenzen des besagten Hauskonzert-Veranstalters können das gut aufzeigen.

Leider wird oft eines vergessen: Letztlich kommt es auf den Stellenwert der Musik selbst an. Wenn die Musik im Vordergrund steht, wird das Instrument im ursprünglichen Sinne zum bloßen Werkzeug, zur Gerätschaft, ja zum Hilfsmittel. Es ist dann Mittel zum Zweck und braucht gar nicht spezifiziert zu werden. Wer hingegen grundsätzliche technische Details ohne Werbung erwähnen möchte und über das Wort „Orgel“ hinaus die Herkunftsbezeichnung für notwendig hält, sollte das tun: „Digitalorgel“ oder „Recording via Orgel-Softwaresampler“ etc. sind dann tunliche und erprobte Lösungen.

Sprachlogisch falsche Virtualität

Die Bezeichnung „Virtuelle Orgel“ ist hingegen sprachlogisch falsch und impliziert bereits recht viel Werbung. Es verwundert, dass das Wort zur Werbemetapher wurde, da es doch die pure Kopfkino-Qualität des Ganzen betont und die behauptete Authentizität ad absurdum führt. Peter Donhauser brachte es auf den Punkt: „Die „virtuelle Orgel“ ist ein Werbeslogan ohne physische Entsprechung, … um das Idealbild einer Orgel (im Sinne Platons), das Menschen in sich tragen, zu evozieren.“ Das Wort „Anschein“ kann man vermutlich nicht netter formulieren.

Dass mit denjenigen kommerziellen PC-Orgelfreaks ein Gespräch nicht fruchten kann, die da im übertragenen Sinne behaupten, Nintendo hätte alle Pokémons wissenschaftlich dokumentiert und vollen Ernstes etwas von „ultra-realistic“ faseln, kann man getrost zur Kenntnis nehmen. Ja tatsächlich, diese verquere erkenntnistheoretische Gedankenwelt gibt es auch in der Szene. Die Augmented Reality wird nicht von jedem verkraftet: Ein Sampleset oder Orgelmodell macht „eine Orgel“ zwar digital spielbar, ist aber lediglich der subjektiv kreierte bunte Schatten einer spezifischen realen Orgel. Fantasie-Blasebälge, Plaste-Schwellwerke, Karussell-Tremulanten oder Soundkarten-Intonationen sind aus dem 3D-Drucker authentischer Überheblichkeit.

Moralische Verpflichtung zu klärenden Informationen, wenn …

Zurück zum Hauskonzert-Link, der die Problemlage durch die bewegten Bilder noch komplexer macht: Wenn die (immanente) Tatsachenbehauptung fühlbar weit vom Tatsächlichen entfernt ist, wird’s ethisch ein wenig eng. Der zu hörende Klang war wohl in dieser konkreten Form weder für den Organisten noch für die Gäste live hörbar, obwohl es die Bilder zunächst suggerieren. Alle Anwesenden hätten andernfalls einen Kopfhörer tragen müssen, was man freilich gesehen hätte. Ein kurzer klarstellender Hinweis wäre hier ehrlicher gewesen und würde nicht den persönlichen Eindruck des Unstimmigen oder wenig Authentischen aufkommen lassen.

Fazit: Je anspruchsvoller die ausgesprochene oder insinuierte auditive Tatsachenbehauptung zu einer digitalen Orgelaufnahme ausfällt, desto eher besteht die moralische Verpflichtung zu deutlichen Informationen, die sachlich relativieren und die Aufnahme als synthetisch kennzeichnen.

Vielleicht machen wir uns mal zukünftig ein paar mehr Gedanken zum Thema auditiver Wahrhaftigkeit angesichts der aufgezeigten Unsitten. In der Augmented Reality von Digitalorgel & Co. hat die Wahrnehmungskompetenz durchaus Förderbedarf, und das sowohl bei Hörern als auch den Konzertveranstaltern oder Herstellern. Mit und ohne NO-GO-Pokémons. Es lebe die wirkliche Orgel!  (mpk)

==>> zurück zum Newsticker – Digitalorgel, GrandOrgue & Hauptwerk – Unabhängige Nachrichten aus der digitalen Orgelszene

 

© MuTh 2016 – www.MusikundTheologie.de – www.Orgeljournal.de – Online-Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche – Matthias Paulus Kleine – All rights reserved – The author takes no responsibility for the contents of linked pages