Neues aus Digitalistan – Glosse Nr. 7 – Männer ohne Durchblick?

Die Wahl zwischen Schilda und Kommunikation – Unerwartete Impulse für Custom Made Organs

Momentan ist auf dem Terrain digitaler Orgellösungen mächtig etwas in Bewegung: Konzepte werden neu gedacht, unaufgebbar Geglaubtes wird überdacht. Verhärtete Fronten weichen Innovationen. Hätte beispielsweise jemand geahnt, dass Johannus so etwas wie die LiVE III oder nun auch LiVE 2T auf den Weg bringt? Oder hätte jemand daran denken mögen, dass im akademisch anmutenden Hauptwerk-Bereich gezielt auf individualisierte Orgelsets hingewiesen wird? So jüngst geschehen bei Sonus Paradisi aus Prag, der kommerziell wohl erfolgreichsten Sampleset-Fabrik, die nun die Klangbibliothek einer translozierten US-amerikanischen Aeolian-Skinner aus dem Jahre 1957 mit 39 Registern und 6 Transmissionen noch punktgenau im Weihnachtsgeschäft-Endspurt verkaufen möchte und auf eine um 30 Register gewachsene Extension-Variante aufmerksam macht.

Man möchte meinen, dass man sich endlich vom Märklin-Historismus der Hobby-Orgelstuben verabschiede. Einen ersten Impuls gab es bereits 2013, als Sonus Paradisi dem Niederländer Anton Heger die Erlaubnis erteilte, Samples aus fünf historischen Orgeln für ein Composite-Set namens „Zurek Organ“ zu nutzen. Im YouTube-Clip „Walzer für Orgel“ kann man sich von der klanglichen Qualität eines derartigen Instrumentes überzeugen. Freilich muss ein solches „Software Organ Model“ wie jedes andere Set sensibel und kenntnisreich auf den Weg gebracht werden. Keine Frage.

David Butcher als eigentlicher Vorreiter

Nur noch einmal zur Begriffsklärung: Die Oberkategorie ist Custom Made Organ, die Konkretionen sind unter Extension (Erweiterung der vorhandenen Samples) und/oder Composite (Einbindung von Samples anderer Orgeln) festzumachen. Die Übergänge sind freilich fließend und wenig ideologiefähig.

Es wäre falsch, an dieser Stelle nicht David Butcher von LavenderAudio.co.uk zu erwähnen, denn er war seit 2008 ein pragmatisch denkender Vorreiter von Custom Made Organs (extension/composite): „There are several newly sampled ranks and others which make use of existing Haverhill samples – these have been repitched and reworked as necessary.“ Mitbewerber fabrizierten zwar Ähnliches, verbreiteten jedoch im Gegensatz zu Butcher gefühlte Werbepossen wie „virtuelle Restauration“ und dergleichen – und das mit erhobenem Zeigefinger. Kurzum: Butcher hat nie „einen auf historisch oder gar wissenschaftlich gemacht“. Der angelsächsische Pragmatismus hat eine lange Tradition. Der damit verwandte Utilitarismus mag für die Hardliner, die sogar ethische Probleme beim Gestalten von digitalen Orgellösungen sehen, Entlastendes bereithalten, auch wenn er vermutlich Rezeptionsgrenzen touchiert.

Verschlüsselung für den Familienbetrieb

Bedauerlich ist gleichwohl, dass das oben genannte Sonus-Paradisi-Sampleset exklusiv für Hauptwerk verschlüsselt und somit für den kostenfreien Orgelsoftwaresampler GrandOrgue unbrauchbar ist. Den Hauptwerk-Familienbetrieb des Brett Milan wird es freuen. Das Set wäre erfahrungsgemäß jedoch erheblich teurer geworden, wenn es durch Milan Digital Audio erstellt worden wäre, was man zunächst angesichts des Standortes USA hätte erwarten können. Nun wurde zur Verwunderung vieler eine Aeolian-Skinner von jemandem aus dem sog. Alten Europa auf den Markt gebracht, der vom Sampling auch wirklich recht viel versteht. Dass er mit dem Hallfahnen-Management auch Schluck-auf-Probleme haben kann, dürfte bei einem typischen US-amerikanischen Dry-Room weniger ins Gewicht fallen.

So weit, so gut, wahrscheinlich ist der für seine charmante Korrektheit überaus bekannte Brett Milan ja bereits mit der Entwicklung eines Convolution Reverb beschäftigt. Dem Vernehmen nach ist diese Programmfunktion bereits vor 10 Jahren versprochen worden. Aber lassen wir lieber das Thema „Wo ist Martin Dyde?“, auch wenn ich mich als seit 10 Jahren zahlender Hauptwerk-Kunde arg getäuscht fühle.

Männergruppe ohne Durchblick

Der Vorstoß von Sonus Paradisi ist auch vor einem anderen Hintergrund bemerkenswert, nämlich demjenigen einer sehr kleinen, klandestin wirkenden und zugleich streng ansprüchlich urteilenden Männergruppe. Sie hat sich der Digitalorgel im engeren Sinne verschrieben und gibt vor, Innovationen auf ihrem Terrain – und die gibt es derzeit wirklich! – profund beurteilen zu können.

Leider bemüht sie sich auch, die „geschlossene Hauptwerkgesellschaft“ in vielen Anteilen deutlich zu übertreffen: Man erörtert nicht wirklich, Ansichten werden lediglich verkündet. Ernsthafter Widerspruch wird genüsslich ignoriert. Lässt man es jedoch auf einen wirklichen Disput ankommen, so findet man sich nach peinlichen Maßregelungen verhältnismäßig schnell vor der Türe. Unlängst wurde allen Ernstes recht deutlich expliziert, dass sich Mitdiskutierende gefälligst still zu verhalten hätten, wenn ihnen zur Schau getragene Insiderinformationen vorenthalten werden. Der Zirkel betrachtet sich als private Runde, die öffentlich von sich erzählt.

Dass die gesellige Runde einst unter sehr umstrittenen Umständen zustande kam, Pluriformes und Etabliertes ersterben ließ und nun offensichtlich einen einzigen Marktreibenden immer wieder zielorientiert favorisiert, mag keinen Fortschritt des Milieus darstellen. Es verwundert auch nicht, dass der Männerkreis nicht allerorten willkommen ist. Noch weniger sympathisch dürften die fortwährend und massiv gängelnden Regieanweisungen des Chefs aufgenommen werden. Sie werfen mancherlei Fragen auf. Es wäre für die genannte Gesellschaft durchaus tunlich, zunächst einmal den Förderbedarf in puncto Gesprächskultur zu erkennen.

Das mutatis mutandis freies Denken dokumentierende Ansinnen der Verantwortlichen von Sonus Paradisi oder Lavender Audio kann man im Kreise der besagten Männergruppe durchaus vermissen und so ist es mir persönlich gewiss vorbehalten, mitunter einen – an den bekannten und zugleich glücklosen Feldherrn der französischen Geschichte erinnernden – Bürgermeister nebst Sekundanz im fensterlosen Rathaus zu Schilda zu assoziieren, wenn das Fremdschämen einmal wieder unerträglich wird. Mon Dieu!

30 weitere Stops aus Canada

Eine andere Welt tut sich hier auf: Jake von Custom Hauptwerk Organs aus dem canadischen Chilliwack (customhworgans [at] gmail [dot] com) schrieb mir auf meine Frage nach Demos zu seiner Erweiterung des Hauptwerk-Samplesets, dass er bald mit MP3s verschiedener Nutzer rechne. Das erinnert mich zwar an die übliche Instrumentalisierung von Käufern, die begeistert Aufnahmen publizieren und sich insofern kommerziell nutzen lassen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden diese MP3s öffentlich zugänglich sein und keine larmoyant kokettierende Arkandisziplin suggerieren.

Jakes Extension-Variante kostet übrigens US $49 und besitzt 75 Stops. Sie muss zusätzlich zum Orgelset von Sonus Paradisi erworben werden. Alle Erweiterungen stammen aus dem Samplematerial des vorhandenen Sets. Motivierend ist der Umstand, dass der Nutzer selbst – wie so oft bei Custom Made Organs – eine eigene Auswahl im Registerfundus treffen kann.

Erstaunliche Innovationen – leider ohne symmetrische Kommunikation …

Betrachten wir es auf der Metaebene: Hauptwerk/GrandOrgue öffnet sich dem Phänomen „Custom Made/Composite Organs“ und der Digitalorgelmarkt dem Phänomen „Hauptwerk/GrandOrgue/MyOrgan“. Die neuen Konzepte LiVE III resp. LiVE 2T von Johannus oder die Custom Made Organs der Softwaresampler brechen Fronten auf. Das sind Entwicklungen, die Insider vor nicht allzu langer Zeit für recht unwahrscheinlich gehalten hätten. Wenn man aber davon mitteilen und sich darüber austauschen möchte, so muss symmetrisch kommuniziert werden. Dialektik ist anspruchsvoller, als man zunächst denkt.

Wie tragen wir nun Licht ins dunkle Rathaus zu Schilda? Oder müsste nicht ein Neubau oder die Generalsanierung bewährter Orte her, um eine wirkliche Denkfabrik à la Edison aufzubauen? Fragen über Fragen. So mancher hat bereits Antworten in der digitalen Schublade liegen.  (mpk)

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